HR Allgemein
Shared Leadership Praxisbeispiel: So macht es der TÜV Nord
Marlen Kothen
am 17. April 2026 • 5 Min. Lesezeit
In dieser Folge von „von HR für HR“ begrüßt Lesley das Führungs-Duo Tanja und Markus von der TÜV Nord Cert GmbH. Die beiden leiten gemeinsam den Deutschland-Bereich für Medizinprodukte und räumen mit dem Vorurteil auf, dass geteilte Führung kompliziert sei. Sie zeigen praxisnah, wie sie 60 Mitarbeitende steuern, sich blind vertrauen und warum sie mit Shared Leadership auch effizienter sein können als eine Einzelperson.

Wachstum braucht neue Strukturen
Früher war die klassische Vollzeit-Führung der Standard. Doch wenn Teams rasant wachsen, stößt dieses Modell oft an seine Grenzen. Tanja stand als Führumgsperson genau vor dieser Herausforderung: Ihr Team bei TÜV Nord vergrößerte sich massiv, während sie mit redzierter Stundenanzahl arbeitete. Parallel zu Tanjas Bedarf entwickelte die HR-Abteilung des Konzerns bereits ein Konzept für gemeinsame Führung. Ziel des TÜV Nord ist es, als modernes Technikunternehmen gezielt weibliche Führungskräfte und Eltern anzusprechen und flexible Teilzeitmodelle auch auf Management-Ebene zu etablieren. Als Tanjas Vorgesetzter von diesem „Experiment“ erfuhr, brachte er beide Seiten zusammen. Zusammen wagten sie den progressiven Schritt: Shared Leadership.
Über Tanja und Markus
Tanja Frankewitz & Markus Gratzfeld leiten seit drei Jahren im Shared Leadership Modell den Bereich Medizinprodukte bei der TÜV Nord Cert GmbH. Während Tanja langjährige Führungserfahrung und tiefe Konzernkenntnis einbringt, ergänzt Markus das Duo mit seiner umfassenden Expertise aus der Audit-Praxis. Gemeinsam führen sie ein deutschlandweites Team von rund 60 Mitarbeitenden.
So funktioniert Shared Leadership in der Praxis
Tanja und Markus arbeiten beide in einer 80 %-Anstellung (4 Tage pro Woche). Ihr Credo: Nach außen treten sie als eine Person auf. Um dies im Alltag umzusetzen, haben sie ihre Aufgaben in drei klare Kategorien unterteilt:
- Fokus-Aufgaben: Eine Person übernimmt die volle Verantwortung und Konzentration.
- Gemeinschafts-Aufgaben: Strategien oder Konzepte werden gemeinsam im Diskurs entwickelt.
- Ad-hoc-Aufgaben: Wer gerade Zeit hat, erledigt anfallende Freigaben oder administrative Dinge.
Struktur-Elemente, um den gleichen Wissensstand zu haben
Damit das Modell funktioniert, müssen beide immer auf den gleichem Wissensstand sein. Tanja und Markus setzen daher auf eine konsequente Redundanz-Strategie. Für das Team gibt es keine starre Zuordnung („Mitarbeiter A bis H gehen zu Tanja“). Stattdessen sind beide jederzeit für alle 60 Mitarbeitenden aussagefähig. Erreicht wird dies durch drei zentrale Säulen:
Gemeinsame E-Mail-Adresse
Die gesamte Business-Kommunikation läuft über eine gemeinsame E-Mail-Adresse. Zwar existieren theoretisch noch persönliche Accounts, diese werden für das Tagesgeschäft jedoch kaum genutzt. In der Praxis hat meist einer der beiden den „Hut auf“, sichtet die Eingänge und routet die Aufgaben. So ist sichergestellt, dass keine Information im privaten Postfach verloren geht, wenn ein Tandem-Partner seinen freien Tag genießt.
Digitaler Notizzettel
Das Herzstück ihrer Zusammenarbeit ist ein gemeinsamer digitaler Notizzettel. Hier wird jedes Gespräch mit Mitarbeitenden nach einer fest definierten Struktur dokumentiert. „Wenn mich ein Mitarbeiter anruft, der zuvor mit Tanja gesprochen hat, öffne ich parallel die Notizen. Innerhalb von Sekunden bin ich auf Stand und weiß genau, worum es geht," erklärt Markus. Dieser Prozess erfordert ein hohes Maß an Dokumentations-Disziplin, verhindert aber zeitfressende Rückfragen zwischen den Führungskräften.
Daily & Weekly Check-ins
Zusätzlich zur schriftlichen Dokumentation nutzen die beiden gezielte Zeitfenster für den persönlichen Abgleich. In diesen Daily oder Weekly Check-ins werden komplexe Fälle besprochen, bei denen eine rein schriftliche Notiz nicht ausreicht. Hier findet der strategische Feinschliff statt, um sicherzustellen, dass sie bei kritischen Themen tatsächlich mit einer Stimme sprechen.
3 Punkte, die man aus diesem Beispiel lernen kann
Wenn man Tanja und Markus zuhört, wird schnell klar: Shared Leadership ist beim TÜV Nord kein bloßes Experiment mehr, sondern ein gelebtes Erfolgsmodell. Das größte Kompliment kommt dabei vom Team selbst, wenn Kollegen im Gespräch kurz zögern: "Ich weiß gar nicht mehr, ob ich mit dir oder Markus darüber gesprochen habe." Für das Tandem ist das der Beweis, dass sie nach außen hin als eine Einheit agieren. Die Kern-Learnings aus der Praxis:
1. Der Mehrwert-Faktor
Auch wenn es schwer messbar ist, das Tandem postuliert, dass sie gemeinsam wahrscheinlich effizienter sind als zwei einzelne 0,8-Vollzeitäquivalente. Durch den Mix aus unterschiedlichen Skillsets (Führungserfahrung trifft auf Praxis-Expertise) und Perspektiven (Mann/Frau-Kombi) entsteht eine Betreuungsqualität, die eine Einzelperson kaum leisten kann.
2. Psychische Gesundheit & Kreativität
Die gegenseitige Entlastung führt zu einer reduzierten psychischen Belastung. Wirkliche Erholung im Urlaub ist möglich, weil die "Lücke", die eine abwesende Führungskraft normalerweise hinterlässt, gar nicht erst entsteht. Das Ergebnis? Frische Ideen, die oft gerade in der Freizeit entstehen, weil der Kopf frei ist.
Kultur schlägt Struktur
Ein solches Modell braucht Rückendeckung. Beim TÜV Nord zählt nicht das starre Rechnen in FTE (Full-Time-Employee), sondern der messbare Mehrwert für die Organisation und die Mitarbeitenden.
Tipps für die Umsetzung
| Thema | Do | Don't |
|---|---|---|
| Kommunikation | Gemeinsame Postfächer & digitale Protokolle nutzen. | Informationen im Kopf behalten oder privat "zwischen Tür und Angel" klären. |
| Entscheidungen | Einigkeit nach außen demonstrieren (Loyalität). | Den Partner vor dem Team infrage stellen. |
| Team-Struktur | Das Team gemeinsam führen. | Mitarbeitende fest einer Person zuordnen (zerstört den Tandem-Effekt). |
| Selbstmanagement | Mut zur Lücke: Dem Partner vertrauen, dass er Dinge ohne Rücksprache löst. | Jede E-Mail doppelt lesen und alles kontrollieren wollen. |


